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Sachwertverfahren: Hauswert aus Bodenwert und Baukosten

Das Sachwertverfahren nach §§ 35 bis 39 ImmoWertV ermittelt den Hauswert aus Bodenwert plus Herstellungskosten minus Alterswertminderung, angepasst mit dem Sachwertfaktor. Mit vollständigem Rechenbeispiel.

Veröffentlicht · Aktualisiert · Lesedauer ca. 10 Min.

Kurzantwort

Das Sachwertverfahren rechnet von den Baukosten her: Bodenwert plus Herstellungswert der Gebäude minus Alterswertminderung plus Außenanlagen ergibt den vorläufigen Sachwert. Dieser wird mit dem Sachwertfaktor des örtlichen Gutachterausschusses an das tatsächliche Marktgeschehen angepasst. Geregelt ist das Verfahren in den Paragrafen 35 bis 39 der Immobilienwertermittlungsverordnung.

Es ist das Standardverfahren für freistehende Einfamilienhäuser, weil es für diese Objektart oft zu wenige vergleichbare Verkäufe gibt.

Wann ist das Sachwertverfahren die richtige Wahl?

ObjektartGeeignetes Verfahren
Freistehendes Einfamilienhaus, eigengenutztSachwertverfahren
Doppelhaushälfte, ReihenhausVergleichswertverfahren, ersatzweise Sachwert
Eigentumswohnung, eigengenutztVergleichswertverfahren
Vermietetes MehrfamilienhausErtragswertverfahren
Sonderimmobilie wie Hofstelle, Mühle, ReithalleSachwertverfahren
Unbebautes GrundstückVergleichswertverfahren

Die Faustregel lautet: Gibt es genug echte Vergleichsverkäufe, gewinnt der Vergleichswert. Bestimmen Mieten den Wert, gewinnt der Ertragswert. Bleibt beides aus, bleibt der Sachwert.

Die vier Rechenschritte

Schritt 1: Bodenwert

Bodenwert = Bodenrichtwert in Euro je Quadratmeter x Grundstücksfläche

Der Bodenrichtwert kommt vom Gutachterausschuss und ist kostenlos abrufbar. Weicht Ihr Grundstück vom Standardgrundstück der Zone ab, etwa durch ungewöhnlichen Zuschnitt, Hanglage oder abweichende Geschossflächenzahl, wird er angepasst.

Schritt 2: Herstellungswert der Gebäude

Paragraf 36 ImmoWertV verlangt, vom vorläufigen Sachwert der baulichen Anlagen auszugehen. Er berechnet sich so:

Brutto-Grundfläche x Normalherstellungskosten je Quadratmeter = Herstellungswert
Herstellungswert x Alterswertminderungsfaktor = Gebäudesachwert

Zwei Begriffe brauchen Erklärung.

Brutto-Grundfläche ist nicht die Wohnfläche. Sie wird nach DIN 277 gemessen, also außen um das Gebäude herum und über alle Geschosse, einschließlich Wänden. Bei einem typischen Einfamilienhaus liegt sie rund 30 bis 50 Prozent über der Wohnfläche.

Normalherstellungskosten stehen als Modellwerte in Anlage 4 ImmoWertV, den sogenannten NHK 2010. Sie enthalten die Baunebenkosten wie Planung und Genehmigung und sind nach Gebäudetyp, Standardstufe und Dachform gegliedert. Weil das Basisjahr 2010 ist, müssen sie auf den Stichtag hochgerechnet werden.

Schritt 3: Alterswertminderung

Paragraf 38 ImmoWertV definiert den Alterswertminderungsfaktor knapp:

Alterswertminderungsfaktor = verbleibende Restnutzungsdauer
                             geteilt durch Gesamtnutzungsdauer

Für Wohnhäuser setzt Anlage 1 ImmoWertV eine Gesamtnutzungsdauer von 80 Jahren an. Modernisierungen verlängern die Restnutzungsdauer nach dem Punktemodell in Anlage 2. Alle Details dazu stehen unter Baujahr und Alterswertminderung.

Schritt 4: Marktanpassung mit dem Sachwertfaktor

Paragraf 39 ImmoWertV nennt ihn den objektspezifisch angepassten Sachwertfaktor. Er stammt aus den Kaufpreissammlungen der Gutachterausschüsse und steht in deren Grundstücksmarktberichten.

Vorläufiger Sachwert x Sachwertfaktor = marktangepasster Sachwert

Ohne diesen Schritt ist das Ergebnis kein Marktwert, sondern nur eine Baukostenrechnung. Der Faktor unterscheidet sich zwischen Regionen erheblich und hängt außerdem von der Höhe des vorläufigen Sachwerts ab, weil teure Objekte prozentual oft schlechter verwertbar sind.

Wie wird auf den Stichtag indexiert?

Die NHK 2010 gelten für das Jahr 2010. Das Statistische Bundesamt veröffentlicht dazu den Baupreisindex für Wohngebäude, mit dem umgerechnet wird:

NHK am Stichtag = NHK 2010 x (Baupreisindex Stichtag / Baupreisindex 2010)

Die Baupreise sind seit 2010 kräftig gestiegen und steigen weiter. Für Februar 2026 meldete das Statistische Bundesamt einen Anstieg der Baupreise für Wohngebäude um 3,3 Prozent gegenüber Februar 2025. Wer mit veralteten Indexwerten rechnet, unterschätzt den Herstellungswert systematisch.

Vollständiges Rechenbeispiel

Freistehendes Einfamilienhaus, Baujahr 1996, mittlere Ausstattung, Stadt mit rund 60.000 Einwohnern. Alle Werte sind Beispielwerte zur Veranschaulichung des Rechenwegs.

PositionWert
Grundstücksfläche480 m²
Bodenrichtwert320 Euro je m²
Bodenwert153.600 Euro
Brutto-Grundfläche über alle Geschosse310 m²
Normalherstellungskosten, indexiert2.150 Euro je m²
Herstellungswert Gebäude666.500 Euro
Gesamtnutzungsdauer80 Jahre
Alter am Stichtag 202630 Jahre
Restnutzungsdauer ohne Modernisierung50 Jahre
Alterswertminderungsfaktor0,625
Gebäudesachwert416.563 Euro
Außenanlagen, Zufahrt, Terrasse, Zaun14.000 Euro
Vorläufiger Sachwert584.163 Euro
Sachwertfaktor laut Grundstücksmarktbericht0,90
Marktangepasster Sachwert525.747 Euro
Abschlag für Sanierungsstau Heizungminus 18.000 Euro
Ergebnisrund 508.000 Euro

Beachten Sie den Sprung im vorletzten Schritt. Der Sachwertfaktor von 0,90 nimmt rund 58.000 Euro aus der Rechnung. Er ist die wichtigste und zugleich am häufigsten unterschlagene Größe des ganzen Verfahrens.

Wo das Verfahren an Grenzen stößt

Das Sachwertverfahren ist eine Konstruktion. Es fragt nicht, was jemand zahlt, sondern was der Bau kosten würde. Daraus ergeben sich vier typische Probleme.

  1. Nachfrage bleibt außen vor. In begehrten Lagen zahlen Käufer Aufschläge, die keine Baukostenrechnung erklärt. In schrumpfenden Regionen ist es umgekehrt.
  2. Der Sachwertfaktor trägt die ganze Last. Er muss diese Lücke allein schließen und schwankt regional stark.
  3. Standardstufen sind grob. Die Einordnung in eine Standardstufe der NHK ist eine Ermessensentscheidung, die im Ergebnis fünfstellig wirken kann.
  4. Der Zustand steckt nur pauschal drin. Ein Sanierungsstau wird als Abschlag ergänzt, nicht im Modell abgebildet.

Deshalb rechnen erfahrene Sachverständige bei Einfamilienhäusern gern zusätzlich einen Vergleichswert und plausibilisieren beide Ergebnisse gegeneinander.

Was Sie selbst prüfen können

Wenn Ihnen jemand eine Sachwertrechnung vorlegt, kontrollieren Sie fünf Punkte:

  1. Steht der Wertermittlungsstichtag drin? Ohne Stichtag ist die Rechnung nicht nachvollziehbar.
  2. Welcher Bodenrichtwert wurde verwendet und aus welchem Jahr? Bodenrichtwerte gelten zum 1. Januar und werden mindestens alle zwei Jahre neu festgestellt.
  3. Auf welches Jahr wurden die NHK indexiert? Ein alter Index senkt den Gebäudewert.
  4. Ist ein Sachwertfaktor angesetzt und woher stammt er? Fehlt er, ist das Ergebnis kein Marktwert.
  5. Wie wurde die Restnutzungsdauer begründet? Wurden Ihre Modernisierungen mit Punkten nach Anlage 2 berücksichtigt?

Diese fünf Fragen decken die meisten Fehler in laienhaft erstellten Wertrechnungen auf.

Unsere Schätzung

Die kostenlose Hauswert-Schätzung arbeitet mit derselben Grundlogik: amtlicher Bodenrichtwert für den Boden, Sachwertlogik für das Gebäude, regionaler Preistrend für die Marktanpassung. Sie zeigt eine Spanne statt einer Punktzahl, weil ohne Besichtigung weder Standardstufe noch Sanierungsstau bekannt sind. Sie ist kein Verkehrswertgutachten.

Quellen und Stand

  • Immobilienwertermittlungsverordnung (ImmoWertV) vom 14. Juli 2021, Paragrafen 35 bis 39 sowie Anlagen 1, 2 und 4
  • Anlage 4 ImmoWertV, Normalherstellungskosten 2010 (NHK 2010)
  • Statistisches Bundesamt, Baupreise für Wohngebäude im Februar 2026 plus 3,3 Prozent gegenüber Februar 2025, Pressemitteilung Nr. 126 aus 2026
  • Grundstücksmarktberichte der Gutachterausschüsse für die Sachwertfaktoren

Stand: September 2026. Alle Zahlen im Rechenbeispiel sind Beispielwerte zur Veranschaulichung und keine Marktaussage für ein konkretes Objekt.

Häufige Fragen

Wann wird das Sachwertverfahren angewandt?
Vor allem bei freistehenden Ein- und Zweifamilienhäusern und bei Sonderimmobilien, für die es zu wenige Vergleichsverkäufe gibt. Es passt immer dann, wenn die Eigennutzung im Vordergrund steht und keine Mieteinnahmen den Wert bestimmen.
Was sind Normalherstellungskosten?
Die durchschnittlichen Kosten je Quadratmeter Brutto-Grundfläche, ein vergleichbares Gebäude zu errichten, einschließlich Baunebenkosten. Die Modellwerte stehen in Anlage 4 der Immobilienwertermittlungsverordnung als NHK 2010. Sie beziehen sich auf das Basisjahr 2010 und werden mit dem Baupreisindex des Statistischen Bundesamts auf den Wertermittlungsstichtag hochgerechnet.
Was ist der Sachwertfaktor?
Der Sachwertfaktor ist die Brücke zwischen dem rechnerischen Sachwert und dem tatsächlichen Marktgeschehen. Die Gutachterausschüsse leiten ihn aus echten Kaufpreisen ab und veröffentlichen ihn in ihren Grundstücksmarktberichten. Liegt er über 1,0, zahlt der Markt mehr als die Rechnung ergibt, liegt er darunter, weniger.
Was ist der Unterschied zwischen Sachwert und Verkehrswert?
Der Sachwert ist ein Zwischenergebnis, der Verkehrswert das Endergebnis. Erst nachdem der vorläufige Sachwert mit dem Sachwertfaktor an den Markt angepasst und um besondere objektspezifische Grundstücksmerkmale bereinigt wurde, entsteht daraus ein Verkehrswert.
Warum liegt der Sachwert oft über dem erzielbaren Preis?
Weil das Verfahren von Baukosten ausgeht, nicht von Nachfrage. In strukturschwachen Regionen liegt der Sachwertfaktor deshalb regelmäßig deutlich unter 1,0. Ein Haus, dessen Neubau heute 500.000 Euro kostet, bringt dort im Verkauf oft nur einen Bruchteil davon.

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